Straßenmusik

Veröffentlicht am 24. Januar 2026 um 18:59

Ausschnitt aus meinem Buch, das ich gerade schreibe

 

Die schönsten Momente waren die, in denen man über sich selbst hinauswuchs. Die Momente, in denen einem klar wurde, wie krass weit man schon gekommen war, und dass sich die harte Arbeit gelohnt hatte. So einen Moment hatte ich, als ich nach der Therapiestunde noch in der Stadt unterwegs war. Da ich Zeit zu überbrücken hatte, saß ich im hintersten Eck meines Stammcafés von früher. Ich schrieb in mein Notizbuch und las ein paar Seiten von ‚Eat Pray Love‘. Vor allem aber freute ich mich über die Musik, die aus dem Lautsprecher über mir kam. Es waren verschiedene Akustikversionen von bekannten Songs. Ich konnte die Musik wieder in mir fühlen. Und zwar nicht nur die, die tröstete oder mich durch depressive Stimmungen trug, sondern auch die Musik, die einfach nur glücklich machte. Wie hatte ich das vermisst! Und als ich da so saß, mein Herz im Takt der Musik schlagend, nahm ich mir fest vor, mich endlich zu einem Gesangskurs anzumelden – was ich schon lange im Sinn gehabt hatte.

Als ich anschließend durch die Stadt lief, hörte ich schon von weitem, dass da jemand Straßenmusik machte. Ich freute mich total und ging näher hin, um kurz zuzuhören. Ein sympathisch wirkender Typ, vielleicht Mitte 30, spielte Gitarre und sang dazu. Genau mein Musikgeschmack. Ich genoss den Klang der Live-Musik und plötzlich erinnerte ich mich an eine Situation in der Vergangenheit.

Als ich in Bayreuth gewohnt hatte, war ich einmal durch die Stadt gelaufen, wo ebenfalls ein Straßenmusiker (damals sogar mit Verstärker) Gitarre gespielt und gesungen hatte. Auch genau meine Musik, und ich war eine Weile ein Stück entfernt gesessen und hatte zugehört. Als er aufgehört hatte zu spielen, war ich zu ihm hingegangen, hatte eine Münze in seinen Hut geworfen und noch ein „Richtig schön!“ hinzugefügt. Eine Sekunde lang hatte ich gezögert, weil ich gern ein Gespräch angefangen hätte. Es gab nicht viele Menschen in meinem Leben, die so begeistert Musik machten wie ich, und ich war immer auf der Suche nach Leuten, mit denen ich zusammen Musik machen könnte. Doch damals hatte ich mich nicht getraut, einfach so ein Gespräch anzufangen und war weitergegangen. Ich hatte mich hinterher über mich selber geärgert und mir dann geschworen, wenn wieder so eine Gelegenheit kommen würde, würde ich die Chance nutzen.

Das war dann wohl meine Chance und ich wollte nicht den gleichen Fehler ein zweites Mal machen. Ich hatte schon das Bild vor Augen, wie ich kurz mit ihm reden und dann zusammen singen würde. Nachdem das Lied zu Ende gespielt war, ging ich also auf den Musiker zu, ihm ein „Voll schön!“ entgegenrufend. Ich fragte ihn, ob er das bei der Stadt anmelden hatte müssen, oder ob er einfach so spielen würde. Das sei von Stadt zu Stadt unterschiedlich, aber hier dürfe man, solange man keinen Verstärker habe, einfach so spielen. Und so kamen wir ins Gespräch und ich erzählte ihm, dass ich auch schon lange einmal Straßenmusik machen wollte. „Ich habe mich bisher aber noch nicht getraut, und ich weiß auch nicht, ob ich das allein machen würde.“ „Ja komm, dann singen wir zusammen ein Lied“, war prompt seine Antwort. Diese Gelegenheit wollte ich mir definitiv nicht entgehen lassen! Und so sangen wir zusammen ‚Let it be‘, ‚Imagine‘ und ‚Behind blue eyes‘. Ich zwar viel zu leise – die Straßenlautstärke waren meine Stimmbänder nicht gewohnt – und wir beide mit ein paar Texthängern, aber das war vollkommen egal. Was zählte, war die Erfahrung; die Freude, die ich in diesem Moment hatte; das Glück, das die Musik in mir auslöste; und die Tatsache, dass ich meinem lang ersehnten Traum vom Straßenmusik machen ein kleines Stückchen nähergekommen war. Außerdem war ich schwer beeindruckt, dass er alle Songs auf der Gitarre einfach nach Gehör spielen konnte. Am Ende tauschten wir noch Nummern aus, falls er mal wieder in Kempten Musik machen würde. Er lud mich direkt noch zu einer Party am kommenden Wochenende ein, zu der 200 Leute kommen würden und es auch Live-Musik geben würde.

Um zu einer Party mit 200 Leuten zu gehen, von denen ich niemanden kannte, war ich dann doch nicht verrückt genug. Aber auf meinem Heimweg war ich unglaublich stolz auf mich. Damals in Bayreuth hatte ich mich nicht getraut, heute hatte ich einen Straßenmusiker einfach angesprochen und es hatte mich nicht einmal Überwindung gekostet. Wahnsinn wie weit ich mich in den letzten Jahren entwickelt hatte. Mein wahres Ich kam immer mehr zum Vorschein, während ich die Muster aus der Vergangenheit und die Angst immer weiter hinter mir ließ. So machte das Leben deutlich mehr Spaß!

Diese Aktion hatte mich daran erinnert, meine ganzen Träume mussten keine Träume bleiben. Es lag allein an mir, ob ich in die Umsetzung ging oder nicht. Ich könnte natürlich abwarten bis sich Sachen zufällig ergeben würden – was bisher eher meine Taktik gewesen war. Ich konnte aber auch aktiv werden und bewusst dafür sorgen, dass die Dinge, die mich glücklich machten, mehr Raum in meinem Leben einnahmen. Einen Tag später meldete ich mich endlich zu einem Gesangskurs der Volkshochschule an.

An diesem Abend feierte ich mein Leben. Es waren wieder die Zeiten angebrochen, in denen ich beim Zähneputzen ein Notizbuch griffbereit haben musste – oder so wie jetzt gerade, einfach gleich den Laptop auf der Waschmaschine stehen. Die Zeiten, in denen ich abends so aufgedreht war, weil das Feuer in mir wieder brannte. Die Zeiten, in denen ich nicht stillsitzen, sondern kreativ und produktiv sein wollte – einfach, weil es aus mir heraussprudelte. Die Zeiten, in denen ich im Bad die Musik aufdrehte, vor dem Spiegel rumhampelte und mich selber angrinste, während ich laut mitsang.

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